Gymnasium Karlsbad



Hilfe für Nicaragua

Rundbrief Nr. 2 von Johanna Düren

Sept. bis Nov. 2009

Lieber Solidaritätskreis, meine lieben Freunde,

mit der Hoffnung, dass es Euch und Ihnen gut geht, melde ich mich aus dem fernen Nicaragua, denn in den vergangenen 2 Monaten hat sich einiges verändert und es gibt viel zu berichten.

Nach Luises und meinem Ankommen in Managua, sind wir sofort mit Hermana Vida weiter nach San Pedro del Norte gefahren. Es ist ein kleines Dorf, dass am Fluss "Dumo" liegt und bis Februar meine Arbeitsstelle sein wird. Dann werden Luise und ich, die im Moment in Bluefields tätig ist, das Projekt tauschen, denn es beginnt ein neues Schuljahr. (Die großen Ferienmonate sind Dezember und Januar, aufgrund der Kaffeeernte). 

HausdurchgangSan Pedro liegt 4 einhalb Stunden weit entfernt von der nächst größeren Siedlung mit dem Namen "Rio Blanco". Dort befinde ich mich grade, denn hier gibt es einen Internetzugang und (meistens) den ganzen Tag Strom. Während in San Pedro nur zwischen 15 und 21h der Strom zugänglich ist. Auch gibt es Funktelefone in San Pedro, aber ansonsten nur die Verbindung nach Rio Blanco.

Im Viertel "Lo Malinda" befindet sich das Haus der Schwestern, gleich neben der örtlichen Schule. Zur Zeit beherbergt es 5 Frauen, einen Hund, Enten, Hühner, Hähne, einen Kräutergarten und diverse Bäume, wie Kokos, Banane, Orange und Avocado.

Hermana Dora betreibt die Naturheil- und Zahnklinik, die aus einem einziges Sprechzimmer besteht und direkt an das Haus angeschlossen ist. Sie nutzt viele Kräuter aus dem Garten, um Medizin herzustellen, beispielsweise Hustensaft. Sie ist eine sehr geduldige Person, aber auch zurückhaltend, wie die meisten Menschen hier.

Hermana Martha ist zierlich, vergesslich und macht gerne Witze. Mit ihr teile ich die Vorliebe für Bananen und alles Süße.

GartenHermana Sobeyda ist erst seit einem guten Monat "Hermana" und  18 Jahre jung. Die Feier des Gelübtes wurde mit einer Menge geschlachteter Hühner, einem riesen Berg Reis und Volkstanz begangen. Allerdings wurde letzterer nur von einigen Mädchen, Hermana Martha (sie ist ausgebildet darin) und mir vorgeführt. Dazu trägt man traditionelle Röcke und Blusen und Zöpfe, die mit frischen Blumen geschmückt sind.

Zuletzt noch Zenayda, die Nichte Hermana Doras, 11 Jahre und sie geht in San Pedro zur Schule, da ihre restliche Familie auf dem Land lebt.

Ab und zu wohnt auch Hermana Vida, die Älteste der Schwestern, in San Pedro. Da sie allerdings auch die Verantwortung für das Kinderheim in Bluefields hat und dort nur eine Schwester stationiert ist, verbringt sie mehr Zeit in Bluefields als in San Pedro.

Die Schwestern in San Pedro kümmern sich vor allem um Frauen und Kinder. Jede Woche treffen sie sich mit Frauen, die Mitglieder im 3.Orden der Franziskaner sind (oft allein stehend), um zu beten. Einmal im Monat findet eine große Versammlung statt, die einen ganzen Tag dauert.

Für die Kinder haben die Schwestern ein " Centro de las Hermanas Franciscanas" aufgebaut. Das ist auch meine Arbeitsstelle. Dreimal in der Woche (Die, Mi und Do) von 13 bis 16h kommen Kinder der 1. bis 3. Klasse, um dort ihre Hausaufgaben zu machen und zu lernen. Ich bin für Mathe zuständig. Das ist nicht immer leicht. Oft haben die Kinder Probleme und viele sind sehr ungezogen. Das hängt auch mit der gesellschaftlichen Situation zuammen. Es herrscht eine große Armut im Land, 50 % der Bevölkerung lebt ohne oder mit ungesicheter Arbeitsstelle. In dieser Region sind 95% der Männer Alkoholiker, was nicht selten zu Gewalt in den Familien führt. Das ist ein Problem für die Kinder. Oft haben sie nur noch ein Elternteil, leben mit vielen Geschwistern auf engem Raum und der Mutter bleibt neben der Arbeit (oft verkaufen allein stehende Mütter Tortillas, sie kosten nur 1 Peso pro Stück, während ein Pfund Reis 10 Peso kostet) keine Zeit für Ihre Kinder, für Erziehung und liebevollem Umgang. Das merkt man den Kindern an. Sie hauen sich gegenseitig viel, klauen Stifte, Hefte, Bücher, ect. Manche verweigern auch die Arbeit. Jetzt kann man natürlich sagen, dass es das auch in Deutschland gibt. Ja, aber nicht in diesem Maße. Eine Situation zum Beispiel war folgende: ein Mädchen wollte und wollte nicht arbeiten, hat rumgeschimpft, beleidigt, den anderen nie beim Aufräumen und Saubermachen geholfen, sondern gestört und hat auch niemandem geantwortet. Da habe ich ihr gesagt, dass ich ihr so nicht helfen kann und die anderen Kinder sich gestört fühlen. Deswegen habe ich sie eines Tages nach Hause geschickt. Dort kam sie natürlich weinend an und die Mutter kam zum Zentrum. Zum Glück hat die Mutter alles nachvollziehen können und nachdem auch Hermana Dora nochmals mir ihr gesprochen hat, hat das kleine Mädchen sich entschuldigt und arbeitet seitdem toll mit.

Mittwochs geht die Stunde immer ein bisschen länger, dann wird getanzt oder ein Bibelfilm angeschaut. Ein paar Mal in dieser Stunde habe ich schon mit den Kindern gesungen, was ihnen große Freude bereitet hat. In der nächsten Versammlung (mit den Eltern) werden wir "Bruder Jakob" auf deutsch, englisch und französisch zum Besten geben.

Montags und Freitags helfe ich in der Klinik mit (Kräuter schneiden, trocknen, beschriften, zählen, das Pulver in Pastillen abfüllen, ect.). Und auch sonst gibt es fast immer eine Aufgabe im Haushalt zu erledigen.

Viele der Kinder haben nicht nur schulische, sondern auch familiäre und gesellschaftliche Probleme. Oft werden sie geschlagen. Die Mädchen verheiraten sich mit 15/16 Jahren und die Hälfte aller 19-jährigen Mädchen ist bereits verheiratet, schwanger oder hat Kinder. Dieses ist auf dem Land viel ausgeprägter als in den Städten. Die Frage nach meinem Alter läßt deshalb direkt die Nachfrage, ob ich schon verheiratet bin, folgen.

Der Großteil der ländlichen Bevölkerung wohnt in einfachen Bretterbuden, die mit Wellblech oder Pflanzen gedeckt sind. Viele Hütten haben einen einfachen, gestampften Lehmboden.

Die meisten Familien haben ein oder mehrere tote Kinder zu beklagen. Ein Beispiel hierzu, was für mich eine sehr ungewohnte und erdrückende Erfahrung war: die Enkelin einer Frau, die Mitglied im Orden ist, ist mit 2 Jahren gestorben. Mit Hermana Martha und Sobeyda sind wir 1 einhalb Stunden Fußweg außerhalb des Dorfes zum Haus gelaufen, um Beistand zu leisten. Das Kind war in der Nacht ganz plötzlich an einem Parasiten gestorben. Es lag aufgebahrt mitten im spärlichen Wohnraum, etliche andere Kinder (sehr ärmlich gekleidet) liefen auch umher. Auch viele Hunde, die von einem anderen Parasiten befallen waren, der ihnen weiße Stacheln aus dem Maul wachsen ließ, hielten sich in der Hütte auf. Sie wurden jedoch mit Peitschenhieben vertrieben. Die Männer zimmerten draußen am Sarg. Nachbarn und Freunde der Familie brachten frische Blumen mit, die auf und um das Kind drapiert wurden. Das Befremdlichste war jedoch, dass nach der Gebetsstunde gelacht, gegessen und erzählt wurde als wäre nichts gewesen.

Die Grundnahrungsmittel sind hier Reis und rote Bohnen. Die werden zu jedem Gericht serviert. Gekocht wird über dem Feuer. Dazu muss auch das Feuerholz geschlagen werden. In anderen Häusern wird auch mit Gasherden gekocht, aber bei den Schwestern nicht.

Im allgemeinen ist die Bevölkerung sehr religiös. Es gibt eine katholische und 5 evangelische Kirchen in San Pedro. Die Evangelischen unterscheiden sich stark von den deutschen. Die Frauen dürfen nur Röcke und T-Shirts mit Ärmeln tragen, Schmuck ist nicht erlaubt. Auch die Gottesdienste werden lautstark über die Straße zelebriert. Wenn man einmal Mitglied in einer der 5 Kirchen war, bleibt man es auch für den Rest seines Lebens.

Die Landschaft ist sehr grün, sanft hügelig und die Erde rot. Das Klima läßt einen am Anfang ganz schön schwitzen, aber der Körper stellt sich darauf ein (auch die Nicaraguesenser schwitzen). Es regnet eigentlich jeden Tag, was immer eine willkommene Abkühlung ist. Im Moment sogar häufiger als sonst, weil Regenzeit ist. Die unbefestigten Straßen werden dadurch sehr schlammig. Es gibt in San Pedro keine Ampeln (Strom nur den halben Tag), keine Straßennamen, keine Hausnummern, keine Straßenschilder.

Gewaschen wird auf einem Waschbrett im Garten, mit Wasser aus dem Brunnen, mit dem sich auch "geduscht " wird: man füllt einen Eimer mit eben diesem Wasser. Mit einer kleinen Schale macht man sich damit nass, wäscht sich und spült sich anschließend damit ab. Auch das Klo funktioniert nur, indem man einen kleinen Eimer Wasser hinterher gießt. In vielen Häusern stehen jedoch die im Garten befindlichen "Latrinas". Das sind Klohäuschen, mit einem einfach Loch in einem Brett, das etwas erhöht über dem Boden steht.

Mit meiner Gesundheit steht bis jetzt (toitoitoi) alles zum Besten. Bis auf einen kleinen Durchfall und ein paar häßliche Insektenstiche, die schon wieder abschwellen, kann ich mich nicht beschweren.

In den ersten Wochen hatte ich ganz schön viel Heimweh, habe viel vermisst. Inzwischen habe ich mich ganz gut eingelebt und 3 Freundinnen gefunden, mit denen man mal quatschen kann.

Die Sprache war zu Anfang schwieriger, als ich dachte. Die Leute reden schnell und einige Begriffe gibt es im "spanischen" Spanisch so nicht, da sie aus dem "Misquito", der von den Ureinwohnern gesprochenen Sprache, stammen.

Diese obenstehenden Informationen geben euch und Ihnen hoffentlich einen Eindruck davon, wie es in Nicaragua ist.

Das nächste Mal werde ich mich im Dezember melden können.

Mit freundlich lieben Grüßen und Dank für die Unterstützung,

Johanna

 


Quelle: Website des Gymnasiums Karlsbad (http://www.gymnasium-karlsbad.de)