Theater
Gesucht: Gerorg Büchner
Schüler des Karlsbader Gymnasiums begeistern Zuschauer
Die Schülerinnen und Schüler der Leistungskurse Deutsch und Geschichte des Gymnasiums Karlsbad wenige Minuten vor dem großen Auftritt. Viele Stunden anstrengender und langer Proben lagen hinter den jungen Schauspielern. Nun stand die Premiere von "Gesucht: Georg Büchner" unmittelbar bevor. Gespannte Vorfreude lag in der Luft. Dann erlosch das Licht.
Keiner der zahlreich erschienen Lehrer, Eltern und Freunde in der bis auf den letzten Platz gefüllten Museumsscheune Ittersbach konnte wissen, welch ein großer Theaterabend ihnen am 25. Januar geboten würde. Es war beeindruckend zu sehen, wie die Schüler Auszüge aus Werken Clemens Brentanos, Heinrich Heines, Hoffmann von Fallerslebens, Wilhelm Müllers, Joseph Freiherr von Eichendorffs und allen voran Georg Büchners, der so massgeblich die Entwicklung des deutschen Dramas beeinflusste, umsetzten und dem hohen künstlerischen Anspruch dieser schwierigen Aufgabe aufs Vollkommenste gerecht wurden.
Die Szenenfolge eröffnete Felix Reichert. Der junge Schauspieler zog mit einem wahrhaft beeindruckenden Monolog die Zuschauer in seinen Bann und drückte mit eindringlichen Worten und fesselnder Mimik an dieser sowie später noch an weiteren Stellen das gesamte politische Engagement Büchners im Stile eines sozial-revolutionären Agitators aus. Es folgte ein Dialog zwischen Graf Metternich und dessen Berater und "Propagandaminister" Friedrich von Gentz. Die Schüler Nils Heidrich und Stefan Eichler vermittelten nicht nur in dieser Szene überzeugend die Gegnerschaft der von ihnen verkörperten Politiker zur aufkeimenden Volksbewegung. Im Anschluss verdeutlichten die Schülerinnen Aileen Samuel und Katharina Sterz mit Hörst du wie die Brunnen rauschen? in ihrem Spiel gelebter Romantik, wie Clemens Brentano Einbildungskraft und Poesie mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen versuchte.
Es war beeindruckend zu sehen, wie in der folgenden Ankleideszene aus Büchners Leonce und Lena Patrick Tränka, unterstützt durch Jennifer Ruhnke, Stefanie Schorb und Julia Ziegler, den unterbeschäftigten, zerstreuten und gern philosophierenden Monarchen so überzeugend verkörperte, dass darin die ganze Absolutismuskritik Büchners zum Vorschein kam. Die politischen Ereignisse der Zeit aufgreifend erfährt das gebannte Publikum aus dem Munde von Pia Goedecke von der Ermordung August von Kotzebues 1819 durch K.L. von Sand wegen dessen antiliberaler Einstellung. Danach trug Jens Kroschel im Stile einer offiziellen Bekanntmachung die Maßnahmen der Karlsbader Beschlüsse zur Unterdrückung der politischen Bewegung vor. Deborah Kohl gab daraufhin in ihrem hinreißenden Vortrag von Hoffmann von Fallerslebens Die Patrioten erhellenden Einblick in die gesellschaftlichen Geschehnisse der Zeit und führte überzeugend die Intension des Dichters aus, mit scharfem Ton für politische Aufklärung zu sorgen.
Einen der Höhepunkte dieses besonderen Theaterabends stellte die Rasurszene aus Büchners Woyzeck dar. Wahrhaft überzeugend interpretierten Johannes Hauer und Nils Heidrich nicht nur die scharfe Kritik des Autors am Soldatentum, sie vermittelten durch ihr hervorragendes Spiel auch die ganze Sozialkritik Büchners an den Verhältnissen zwischen Arm und Reich in einer Welt materieller und seelischer Armut. Im Anschluss spielten Stefanie Schorb und Amelie Kreußer Heinrich Heines Bei der Ankunft des Nachtwächters zu Paris. Die jungen Damen drückten mit ihrer Darbietung sowohl Heines Empfindungsreichtum als auch dessen Skepsis und Ironie aus.
Anja Hecker, Julia Liebler und Mareile Günter trugen durch ihre Darbietung wesentlich zum Verständnis um die Forderungen junger Demokraten und Republikaner nach einer deutschen Einheit auf dem Hambacher Fest bei. Die Zuschauer erfuhren sodann aus dem Munde Kathrin Noacks, deren beeindruckender Vortrag von Wilhelm Müllers Ungeduld alle Anwesenden bereits zuvor gefesselt hatte, von dem Versuch junger Revolutionäre durch den Wachensturm 1833 ein Signal zur Errichtung einer Republik zu geben. Ebenso überzeugte Daniela Tietze mit ihrer Interpretation von Joseph Freiherr von Eichendorffs Mondnacht. Die junge Schauspielerin vermochte es, die ganze Sehnsucht und Phantasie der Romantik in darzustellen. In einer hinreißenden Darbietung der Bauernszene aus Büchners Leonce und Lena überzeugten anschließend Johannes Hauer und Thies Straehler-Pohl, unterstützt von weiteren Schülerinnen und Schüler, u.a. Sebastian Hiessel, und karikierten mit ihrem Spiel die blinde Gefolgschaft unkritischer Marionettenuntertanen. Im Anschluss trug Juliane Dollinger Auszüge aus dem Hessischen Landboten vor. Ganz dem Ansinnen Büchners folgend rüttelte die Schülerin engagierte die Bauern auf, gegen die Unterdrückung zu protestieren, bevor Patrick Tränka und Marie Schwille mit ihrer fesselnden Darbietung einer Verhörszene soziale Gründe und dramatische Folgen engagierter politischer Aktivität verdeutlichten. Den Steckbrief gegen Büchner verlas Anne Böhme und macht, indem sie ihn für alle sichtbar an einen Pfosten anschlug, die Zuschauer zum Teil des Geschehens. Florian Schöller und Thies Straehler-Pohl, unterstützt von weiteren Schülern, brachten in einer Szene aus Büchners Dantons Tod Büchners eigene Enttäuschung über den Ausgang der Französischen Revolution überzeugend zum Ausdruck, indem sie den verhängnisvollen Lauf der Geschichte aufzeigten.
"Schau, dort spaziert Herr Biedermeier, Und seine Frau, den Sohn am Arm; Sein Tritt ist sachte wie auf Eier, Sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm." Diese Worte, vorgetragen von Anja Hecker und schauspielerisch umgesetzt von Julia Liebler, Sarah Hecker und Stefan Eichler, bildeten im Anschluss den Rahmen für eine hinreißende Inszenierung von Ludwig Pfaus Der Herr Biedermeier, bevor Jennifer Ruhnke und Manuela Ochs in einer schauspielerisch überzeugenden Leistung Auszüge aus Sterntaler darboten. Den Bezug zur Gegenwart verdeutlichten zum Abschluss Anja Hecker mit einem soziologischen Vortrag und Marius Götzel und Philipp Goy mit einer Szene, die dem ergriffenen Publikum die gesellschaftliche Realität vor Augen führte.
Die hervorragende Aufführung fand brausenden und langanhaltenden Beifall. Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Karlsbad haben mit dieser beeindruckenden Aufführung bewiesen, zu welch großartiger schauspielerischer Leistung sie in der Lage sind. Sie schenkten dem Publikum nicht nur einen unvergesslichen Theaterabend, sie ermöglichten in der meisterlichen Umsetzung geschichtlichen und literarischen Lernens allen Anwesenden ein großartiges Erlebnis. Nicht vergessen werden dürfen die Souffleuse Julia Ziegler, die Techniker Dennis Vogel und Christian Bachmann, die Maskenbildnerin Manuela Ochs und Jennifer Schwarzkopf, Fabian Geisert und Peter Simpfendörfer für deren organsatorische Mithilfe. Ganz besonderer Dank gilt Sebastian Haag für Technik und Organisation sowie der Museumsscheune, besonders Herrn Becker. Unser aller Dank und Anerkennung gilt den Lehrern Harald Bender und Wolfgang Keller, deren Engagement und unterrichtliche Visionen die Inszenierung erst möglich ermöglicht haben.
Ralf Slot